Skidurchquerung Berner Oberland: Vier Tage zwischen Gletschern und Viertausendern

Es gibt Touren, die einem lange im Gedächtnis bleiben. Nicht wegen eines einzelnen Gipfels oder eines perfekten Schwungs im Firn, sondern weil einfach alles zusammenpasst: die gewaltige Landschaft, die langen Tage auf dem Gletscher, die Hüttenabende und das Gefühl, sich für ein paar Tage in einer völlig anderen Welt zu bewegen.

Genau so war unsere Skidurchquerung durch das Berner Oberland Ende Mai. Ganz spontan reservierten wir noch eine Woche zuvor die letzten Hüttenplätze. „Komm, wir probieren es – es hat noch einmal geschneit, die Nächte sind klar. Warum nicht noch einmal mit den Ski losziehen?“

Mit etwas Hochdruckglück wurde unsere lang ersehnte Skidurchquerung durch das Berner Oberland tatsächlich Realität: Vier Tage unterwegs zwischen den mächtigsten Gletschern der Alpen, drei Hüttenübernachtungen, vier Viertausender im Gepäck – und unzählige Eindrücke aus einer Landschaft, die eher an die Arktis als an Europa erinnert.

Tag 1: Von Fiesch zur Konkordiahütte

Früh am Morgen starten wir in Fiesch. Mit der Gondel, die wegen Revisionsarbeiten nur eingeschränkt fährt, geht es hinauf zur Fiescheralp. Dort heißt es zunächst: Ski tragen. Der Zustieg zieht sich länger als erwartet, und erst nach dem Tälligratunnel können wir die Ski anschnallen. Es ist eben doch schon Ende Mai.

Nach einer kurzen Abfahrt wird uns die gewaltige Dimension des Aletschgletschers bewusst. Eis und Weite, so weit das Auge reicht. Die Hütte ist noch nicht einmal zu sehen – und doch liegt sie irgendwo da draußen in dieser riesigen Landschaft.

Der Aufstieg verläuft entspannt. Immer wieder müssen wir uns zwischen Spalten und Eisbrüchen den Weg durch den zerklüfteten Gletscher suchen, bis wir schließlich die „Autobahn“ erreichen und durchatmen können. Beim Blick auf die Spuren, die der Gletscher hinterlassen hat, geht mir immer wieder derselbe Gedanke durch den Kopf: Wo stand wohl damals in den 60er Jahren mein Uropa? Die Dimensionen der Veränderungen sind kaum zu fassen.

Als wir schließlich den Konkordiaplatz erreichen, stehen wir mitten auf dem größten Eisstrom der Alpen. Von hier führen 526 Stufen hinauf zur Konkordiahütte. Hoch über dem Gletscher thront die berühmte Hütte und wirkt in dieser gewaltigen Umgebung beinahe winzig. Die Hütte wurde Ende des 19 Jahrhunderts auf einem Felsen, rund 50 Meter über dem Gletscher erbaut. Diese Felsen konnten durch einen Weg auf Felsbändern relativ einfach überwunden werden. Durch den Rückgang des Aletschgletschers musste eine Leiter, die mehrfach verlegt und verlängert wurde, installiert werden.
Am Abend genießen wir die Ruhe auf der Terrasse, beobachten das wechselnde Licht auf den Gletschern und freuen uns auf die kommenden Tage

Tag 2: Über die Fiescherhörner zur Finsteraarhornhütte

Der Wecker klingelt früh. Noch vor Sonnenaufgang verlassen wir die Konkordiahütte. Fast wie im Delirium steigen wir die unzähligen Stufen hinunter und gleiten über den noch hart gefrorenen Gletscher, bevor wir die Felle wieder aufziehen. Langsam taucht das Morgenlicht die umliegenden Gipfel in zartes Rosa. Besonders die Jungfrau zeigt ihre gewaltige Südostflanke in voller Pracht, als wir die erste Engstelle des Gletschers passieren.

Nach einem längeren Flachstück steigen wir weiter Richtung Fieschersattel auf. Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick mehr auf den Eiger – ein Berg, der selbst aus dieser Perspektive beeindruckt. Die Dimensionen des Gletschers sind kaum zu greifen. 

Am Steilhang zum Sattel erwarten uns perfekte Bedingungen: Trittfirn und sogar eine bereits angelegte Spur. Auch die felsige Schlüsselstelle lässt sich gerade noch umgehen, sodass wir bald den Fieschersattel erreichen. Da sich hinter uns bereits weitere Seilschaften nähern und wir einen möglichen Stau am Gipfelgrat vermeiden möchten, entscheiden wir uns, direkt auf das Große Fiescherhorn aufzusteigen.

Die Steigeisen wieder an den Skistiefeln zu tragen, fühlt sich zunächst ungewohnt an. Doch die anregende Kletterei (UIAA II) macht Spaß, und schon wenig später stehen wir auf dem Gipfel des Großen Fiescherhorns. Vor uns erhebt sich der Mönch, hinter uns breitet sich ein scheinbar endloses Meer aus Eis und Gipfeln aus. Ein großartiger Moment.

Nach dem Abstieg gönnen wir uns eine kurze Pause am Sattel, bevor wir zum nächsten Gipfel aufbrechen. Über die Ostflanke steigen wir auf das Hintere Fiescherhorn. Von hier zeigt sich das Große Fiescherhorn noch einmal von seiner eindrucksvollsten Seite – ein markanter Felszahn über den gewaltigen Gletschern des Berner Oberlands.

Dann beginnt die lange Abfahrt zur Finsteraarhornhütte. Der Firn präsentiert sich von seiner besten Seite, und wir genießen jeden Schwung auf dem Weg hinunter. Spektakulär auf einem Felsrücken zwischen den Gletschern gelegen, erscheint die Hütte zunächst klein und verloren in dieser gewaltigen Landschaft. Von ihrer Terrasse fällt der Blick direkt auf unser Ziel für den übernächsten Tag: das Groß Grünhorn.

Bei einem gemütlichen Hüttenabend lassen wir die Erlebnisse des Tages Revue passieren und beobachten, wie die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Grünhorn verschwinden.

Tag 3: Auf das Finsteraarhorn (4.274 m)

 Heute steht der höchste Gipfel der Berner Alpen auf dem Programm: das Finsteraarhorn.

Wieder starten wir im Dunkeln von der Hütte. Schnell zeigt sich, wie froh wir sind, uns den Anstieg durch das zerfurchte Gletschergelände am Vortag eingeprägt zu haben. Kurz vor Tagesanbruch ist der Weg deutlich weniger offensichtlich als gedacht. Die Schneelage ist jedoch noch ausreichend, sodass wir bis zum bekannten „Frühstücksplatz“ nur einmal die Ski abschnallen müssen. Von dort geht es mit Ski auf dem Rücken weiter, bevor wir wenig später wieder auf den Gletscher kommen und die Ski anschnallen können.

Der finale Anstieg über den Gletscher verlangt Geduld, doch mit jedem Höhenmeter wächst die Vorfreude auf diesen formschönen Berg. Am Hugisattel angekommen sind wir die erste Seilschaft unserer Startwelle. Ohne lange Pause steigen wir weiter auf, um dem nachfolgenden Andrang noch etwas voraus zu sein.

Die Kletterei ist technisch nicht besonders schwierig, verlangt am ausgesetzten Grat (UIAA II) aber volle Konzentration. Schnell stellt sich dieser besondere Flowzustand ein, den man nur schwer beschreiben kann. Meter um Meter bewegen wir uns durch meist festen Gneis nach oben. Immer wieder öffnen sich Tiefblicke, die mir kurz den Atem rauben. Gleichzeitig fühlt sich die Kletterei unglaublich schön an. Nach einigen letzten Metern über den Firn erreichen wir schließlich den Gipfel – und haben ihn tatsächlich ganz für uns allein.

Es ist einer dieser Momente, die keiner großen Worte brauchen. Das Lauteraarhorn und das Schreckhorn scheinen zum Greifen nah, die Aussicht reicht über das Wallis bis zum Mont Blanc. Ein Panorama, das sprachlos lässt.

Schreckhorn und Lauteraarhorn vom Finsteraarhorn Gipfel

Auch der Abstieg fordert noch einmal unsere volle Aufmerksamkeit, zumal uns inzwischen die ersten Seilschaften entgegenkommen. Zurück am Hugisattel sitzen wir einen Moment still da, noch ganz beeindruckt von diesem außergewöhnlichen Berg.

Anschließend geht es über den noch harten Gletscher hinunter. Die Ski kratzen zunächst über die Oberfläche des ersten Abschnitts bis zum Frühstücksplatz. Es hat auch Nachteile früher dranzusein. 😅  Weiter unten jedoch wartet bereits feinster Butterfirn. Die letzten Schwünge genießen wir in vollen Zügen.

Unten angekommen heißt es allerdings erneut: Auffellen. Der Gegenanstieg zur Konkordiahütte wartet noch auf uns. Die Mittagssonne macht ihrem Namen alle Ehre, und mit jedem Schritt wird der Schnee weicher. An der Grünhornlücke angekommen freuen wir uns bereits auf die letzte Abfahrt zur Hütte. Wir sind gegrillt!!!

Wenn da nicht noch diese Treppen wären…

Doch die Aussicht auf die wunderbare Terrasse, ein Rösti und eine kalte Erfrischung setzen ungeahnte Kräfte frei. Also Stufe um Stufe nach oben und das bitte möglichst schnell. Oben angekommen bleiben müde Beine, unzählige Eindrücke und ein breites Grinsen.

Tag 4: Groß Grünhorn und zurück nach Fiesch

Die kurze Nacht sorgt zwar für einen kleinen Dämpfer, doch wir fühlen uns inzwischen bestens akklimatisiert. Ein letztes Mal ruft das Ewigschneefäld – und damit auch ein laaaanger Gletscheranstieg.

Die Bedingungen sind stellenweise noch eisig. Um uns herum türmen sich gewaltige Spalten, Seracs und ein Hängegletscher auf, wie ich ihn zuvor noch nie aus solcher Nähe gesehen habe. Zugegeben: In diesem Abschnitt möchte man nicht länger als nötig verweilen. Entsprechend zügig gewinnen wir an Höhe, bis wir den Aufschwung zum Gipfelgrat erreichen.

Dort wechseln wir auf Steigeisen und suchen uns den Weg über den exponierten Grat (UIAA II) nach oben. Auch das Groß Grünhorn gehört für einen kurzen Moment nur uns allein. Schon bald treten wir wieder den Abstieg an. Wie bereits am Finsteraarhorn fordert auch dieser Grat unsere volle Aufmerksamkeit. Fehler verzeiht das Gelände hier keine.

Die anschließende Abfahrt führt zunächst zurück zum Konkordiaplatz, bevor wir den Aletschgletscher in Richtung Fiescheralp „hinunterfahren“. Die Strecke scheint kein Ende zu nehmen. Gleichzeitig macht die Sonne den Schnee zunehmend langsamer und schwerer. Was zunächst noch eine Skiabfahrt sein sollte, entwickelt sich stellenweise zu einem ungeplanten Arm-Workout im Doppelstockschieben.

Beeindruckend ist, wie stark sich der Gletscher allein innerhalb von drei Tagen verändert hat. Spalten, über die wir beim Aufstieg noch problemlos hinweggehen konnten, beginnen bereits aufzuklaffen. Schneebrücken wirken deutlich instabiler, Schmelzwasserseen und wir müssen uns einen anderen Weg zurück zum Aufstieg des Tälligrattunnels suchen.

Dass wir keine Wechselschuhe dabeihaben, bereuen wir spätestens jetzt. Der Rückweg zur Bahn zieht sich ähnlich endlos wie der Abstieg über den Aletschgletscher selbst. Vor allem der letzte Gegenanstieg sorgt bei mir kurz für etwas Gemurre, bevor wir schließlich am Ticketautomaten stehen – zurück in der Zivilisation.

Hier endet unsere Durchquerung des Berner Oberlands. Vier Tage voller Eindrücke, vier Viertausender und Höhenluft.

Fazit

Die Skidurchquerung durch das Berner Oberland gehört für mich zu einer den eindrucksvollsten Mehrtagestouren, die ich bisher gemacht habe: Gewaltige Gletscher, coole Hütten, so viele Optionen auf Viertausender (*noch viele mehr auf Dreitausender…) und eine Landschaft, die in ihrer Dimension kaum zu übertreffen ist. Wer hochalpine Skitouren liebt und sich auf mehrere Tage im vergletscherten Gelände einlassen möchte, findet hier ein echtes Abenteuer.

Und spätestens beim Blick über den Konkordiaplatz wird klar, warum diese Region einen ganz besonderen Platz in den Alpen einnimmt.